Der Dokumentarfilm „Meeting the Buddha“ von Marta György-Kessler fängt die tiefgehende spirituelle Sehnsucht der Beat- und Hippie-Generation ein – jener Epoche, in der unzählige junge Menschen auf der Suche nach Bewusstseinserweiterung mit Drogen experimentierten oder bei Gurus in Indien und Nepal nach transzendenten Erfahrungen suchten.
Darunter waren auch die beiden Protagonisten des Films, Ole und Hannah Nydahl. Der 16. Gyalwa Karmapa erkannte ihre Hingabe und Leidenschaft und beauftragte sie schließlich damit, die Lehre des Diamantwegs im Westen zu verbreiten.
Das darauf folgende jahrzehntelange Engagement der Nydahls ist in diesem historischen Kontext außergewöhnlich und erfährt im Film mit seinem dichten, beeindruckenden Archivmaterial eine verdiente Würdigung.
Doch genau hier macht der Film eine kritische Einordnung notwendig. Er erweckt den historisch und philosophisch nicht gerechtfertigten Eindruck, als würde „der Buddhismus“ insgesamt das Lehrer-Schüler-Verhältnis so verstehen, wie es in der gezeigten Diamantweg-Tradition gelebt wird. Tatsächlich handelt es sich um eine spezifische Ausprägung innerhalb des tibetischen Buddhismus, deren Verständnis von Hingabe und Übertragung im Westen durchaus umstritten ist.
Vertrauen, Hingabe und die Freiheit zur Kritik
Die ursprüngliche buddhistische Lehre fordert dazu auf, überlieferte Wahrheiten und die Autorität eines Lehrers nicht ungeprüft zu übernehmen.
Im berühmten Kalama-Sutta empfiehlt der historische Buddha, eine Lehre nicht allein deshalb für wahr zu halten, weil sie von einer verehrten Autorität stammt oder einer langen Tradition angehört. Entscheidend ist vielmehr, sie selbst zu prüfen und auf ihre heilsamen oder unheilsamen Wirkungen zu achten.
Der Film hingegen betont die besondere Bedeutung der Übertragungslinie von Lehrer zu Schüler, möglichst in einer engen persönlichen Beziehung.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Vertrauen, persönliche Verbundenheit und Hingabe können für die Entwicklung eines Menschen von großer Bedeutung sein. Wir kennen das auch aus anderen Lebensbereichen.
Schwierig wird es allerdings, wenn aus Vertrauen eine bedingungslose Gefolgschaft entsteht und die Autorität des Lehrers über die eigene Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit gestellt wird.
Gerade in einer spirituellen Beziehung, die auf persönliche Entwicklung und Befreiung abzielt, müsste die Fähigkeit zum eigenständigen Denken und zum Widerspruch erhalten bleiben.
Die Qualität einer solchen Beziehung zeigt sich für mich auch daran, ob ein Schüler seinem Lehrer widersprechen kann, ohne dadurch die Beziehung oder seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu gefährden.
Die Kehrseite der Guru-Hingabe
In hierarchisch strukturierten Gemeinschaften können starke persönliche Bindungen entstehen, die ein großes Gefühl von Zusammengehörigkeit vermitteln. Gerade darin liegt aber auch eine mögliche Gefahr. Besonders dort, wo eine Gemeinschaft überzeugt ist, über einen besonders unmittelbaren oder wirksamen Zugang zur spirituellen Erkenntnis zu verfügen, kann sich ein subtiles Gefühl von Überlegenheit entwickeln. Andere Wege werden dabei nicht unbedingt abgewertet. Man respektiert sie durchaus, ist aber überzeugt, selbst über die besseren Werkzeuge und den weiterführenden Zugang zur Erkenntnis zu verfügen.
Ein solches Selbstverständnis kann den inneren Zusammenhalt stärken. Das Gefühl, zu den besonders Wissenden zu gehören, wird selbst zu einem Mittel der Bindung. Wer die Gemeinschaft oder ihren verehrten Lehrer infrage stellt, riskiert dann nicht nur einen sachlichen Konflikt. Er gefährdet unter Umständen auch seine Zugehörigkeit, wichtige persönliche Beziehungen und einen Teil seines Selbstbildes.
Kritik von außen kann leicht als mangelndes Verständnis der eigenen Lehre zurückgewiesen werden. Kritik von innen wird möglicherweise als Zeichen fehlenden Vertrauens empfunden. Damit kann eine Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern einen Weg zur inneren Befreiung eröffnen möchte, ungewollt neue Abhängigkeiten schaffen. Dass diese Gefahr nicht bloß theoretisch besteht, zeigen auch kritische Erfahrungsberichte aus dem Umfeld des Diamantwegs. Menschen, die Ole Nydahls abwertende Äußerungen über den Islam und muslimische Menschen nicht mittragen wollten, berichten davon, mit ihrer Kritik innerhalb der Gemeinschaft kaum Gehör gefunden zu haben.
Wie umfassend diese Erfahrungen für die gesamte Gemeinschaft stehen, lässt sich von außen schwer beurteilen. Sie werfen aber eine wichtige Frage auf: Wie viel Widerspruch verträgt eine spirituelle Gemeinschaft, wenn er sich gegen ihren hochverehrten Lehrer richtet?
Rechte Rede – ein buddhistischer Maßstab
Für die Beurteilung der Aussagen eines spirituellen Lehrers bietet die buddhistische Lehre selbst einen einfachen und zugleich anspruchsvollen Maßstab: die Rechte Rede.
Entscheidend ist nicht, wer etwas sagt, sondern ob seine Worte wahrhaftig und von einer heilsamen Absicht getragen sind und welche Wirkungen sie hervorbringen.
Fördern sie Verständnis, Mitgefühl und die Überwindung von Feindseligkeit? Oder nähren sie Angst, Abwertung und die Trennung zwischen Menschen?
An diesem Maßstab müssen sich auch die Worte eines hochangesehenen spirituellen Lehrers messen lassen.
Kritik und ethische Abgrenzung sind deshalb kein Ausdruck mangelnden Vertrauens in die buddhistische Lehre, sondern gehören zu ihrer ernsthaften Auseinandersetzung.
In diesem Sinn verstehe ich auch die Unterweisungen des XIV. Dalai Lama, der ausdrücklich betont, dass Schüler problematisches Verhalten eines Lehrers nicht widerspruchslos hinnehmen dürfen.
„Selbst wenn es sich um einen bekannten Lama handelt, der eine große Klosterschule leitet, und seine Lehren im Widerspruch zum Dharma stehen, darf man seinen Worten nicht folgen. […] Wenn ein Lehrer Dinge tut, die schädlich oder ethisch falsch sind, ist es die Pflicht des Schülers, dies offen zu kritisieren.“
Auch die klassischen tibetischen Lehren betonen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Prüfung, bevor man sich einem spirituellen Lehrer anvertraut.
Für mich stellt sich darüber hinaus die Frage, warum diese Prüfung mit dem Eingehen einer engen Lehrer-Schüler-Beziehung enden sollte.
Gerade dort, wo Vertrauen besonders groß ist, braucht es die Freiheit, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und auch dem verehrten Lehrer zu widersprechen.
Fazit
„Meeting the Buddha“ wirkt auf mich wie ein Film, der vor allem für die innere Gemeinschaft des Diamantwegs gemacht wurde. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Lebenswerk Ole Nydahls findet kaum statt.
Mit seinem beeindruckenden Archivmaterial dokumentiert der Film faszinierende Facetten einer Epoche und würdigt das außergewöhnliche Engagement zweier Menschen, deren Begegnung mit einem tibetischen Lehrer ihr ganzes Leben geprägt hat.
Allerdings bleibt auch die historische Darstellung der Verbreitung des Buddhismus im Westen unvollständig. Die bedeutenden Leistungen anderer buddhistischer Traditionen, auch innerhalb des tibetischen Buddhismus, finden kaum Erwähnung.
Vor allem aber vermisse ich eine kritische Auseinandersetzung mit der besonderen Lehrer-Schüler-Beziehung, die im Zentrum des Films steht.
Was macht eine solche Beziehung heilsam? Wann wird aus Vertrauen Abhängigkeit, aus Hingabe Gefolgschaft? Und wie kann eine tiefe persönliche Verbundenheit bestehen bleiben, ohne die Freiheit des eigenen Denkens und Urteilens preiszugeben?
Gerade diese Fragen hätte ich mir von einem Film gewünscht, der den Titel „Meeting the Buddha“ trägt.
Denn eine Begegnung im Sinne des Buddha sollte Menschen nicht abhängiger machen, sondern sie darin unterstützen, freier, klarer und mitfühlender zu werden.
